Kommentar: Nervige Online-Community

In der klassischen schreibt der Journalist regelmäßig einen Kommentar. Dazu recherchiert er vorher und lässt nicht einfach seinen Gedanken freien Lauf. Bei den Lesern ist es etwas anderes. Sie äußern ihre private Meinung, die sie aus ihrem Wissen speisen und formulieren daraus ihren persönlichen Kommentar. Schön schnell funktioniert das online. “Lesen, aufregen, posten”, lautet die Reihenfolge und nicht mehr: “Lesen, aufregen, Papier und Stift holen, denken beim Schreiben, abschicken.”
Über das Phänomen hat die FAS nachgedacht.

Wenn Journalisten über die neue Medienwelt reden, in der Leser unter ihre Artikel im Internet einfach Kommentare schreiben können, klingt es oft, als sprächen sie von Naturkatastrophen – unkontrollierbar, mächtig, gefährlich. Bei „Stern“-Journalist Hans-Ulrich Jörges ist es gar eine Frage der Kanalisation: „Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt“, formulierte er im vergangenen Sommer.
Tatsächlich sehen sich viele große Medien plötzlich in der Rolle von Schleusenwärtern. Die Illusion, dass es reicht, unter jedem Artikel eine Kommentarmöglichkeit anzubieten und sich tatenlos an klugen Diskussionen und steigenden Klickzahlen zu erfreuen, ist dahin. „Nach der Phase der fast kindlichen Euphorie darüber, dass user generated content so einfach zu bekommen ist, müssen wir Medien nun dringend in die nächste Phase eintreten“, sagt Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de. „User, herzlich willkommen – aber nur die, die sich an die Mindestregeln von Communitys halten.“

Interessant, wie viele Kommentare die großen Medien täglich bewältigen müssen: Zwischen 300 (FAZ) und 1500 (WAZ). Die einen zeigen sie uneingeschränkt, andere selektieren.

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