Wie geht es weiter mit der Medienbranche? Zeitungen werden eingestellt, Redaktionen dezimiert, Online-Angebote ausgebaut und weniger genau auf die Trennung von Redaktion und Werbung geachtet. Seit Mitte Januar widmet die Süddeutsche sich in einer Serie der Zukunft des Journalismus. Als Indikator gilt wie so oft der amerikanische Medienmarkt. Dieser Vergleich ist mutig, aber zumindest ein erster Näherungsversuch an die derzeit stattfindenden Umwälzungen.
2007 verlor die nordamerikanische Zeitungsindustrie nicht nur 26 Prozent ihres Aktienwerts, insgesamt elf Milliarden Dollar, auch die Auflage schrumpfte in den vergangenen 15 Jahren um rund 14 Prozent – das sind mehr als acht Millionen Exemplare täglich. Auch wenn immer noch 120 Millionen Amerikaner Zeitung lesen, ist diese Abwärtsspirale kaum zu stoppen.
Philip Meyer, Journalismusprofessor an der University of North Carolina, rechnet damit, dass die letzte Papierzeitung spätestens 2040 von der Druckwalze läuft. Das Gros derjenigen Jugendlichen, die Googles Suchalgorithmen blind vertrauen, in Social Networks “gruscheln” und sich täglich die Probleme von der Seele bloggen, stellt sich die Frage erst gar nicht, ob sie noch Gedrucktes lesen sollen.
Seither hat die SZ drei Interviews veröffentlicht, fünf folgen noch.
Im ersten Interview kam der Medienexperte John Lloyd zu Wort:
SZ: Wo liegt denn das Problem? Geht die Qualitätspresse nicht konsequent genug auf die veränderten Nutzungsgewohnheiten ihrer Leser ein?
Lloyd: Das kommt drauf an. “Washington Post“, “Guardian“, “Le Monde“ und “La Repubblica“ haben beispielsweise sehr erfolgreiche Internetauftritte etabliert, die inzwischen viel mehr Leser erreichen als ihre Druckausgaben. Doch genau darin liegt das Paradoxe: Ihre Inhalte werden von einem größeren Publikum gelesen, aber ihre Auflagen und Einnahmen sinken – für einige Titel sogar in sehr kritische Regionen. Ich sehe da momentan keinen Ausweg.
SZ: Dabei mangelt es ja nicht an Versuchen, das Ruder rumzureißen.
Lloyd: Die Qualitätsblätter haben ja schon alles versucht. Schauen Sie sich “The Times“ und “The Independent“ an, das waren mal die führenden Stimmen Großbritanniens. Aber nachdem beide auf das Tabloid-Format umgestellt haben und jetzt häufiger mit Gesundheits- und Lifestyle-Geschichten als mit den wirklich großen Themen aufmachen, hat zumindest die “Times“ ihre Rolle als offizielle Chronistin des politischen Zeitgeschehens eingebüßt. Der “Independent“ ist dagegen zu einem “Viewspaper“ mit meinungslastigen, fettgedruckten Storys auf der Titelseite verkommen. Egal, ob “Times“, “Independent“, “Guardian“ oder “Telegraph“ – alle verlieren kontinuierlich an Auflage. Die einzige Qualitätszeitung, die derzeit zulegt, ist die “Financial Times” – und die hat sich am wenigsten verändert. Meiner Meinung nach liegt der Großteil ihres Erfolg an der globalen Leserschaft und einer thematischen Nische: die der hochrangigen Wirtschaft und Politik.
Diese Erkenntnisse sind nicht revolutionär. Interessant ist doch die Frage, wer in Zukunft überhaupt Contentproduzent sein wird und welche Rolle dann noch Qualität spielt. Oder ob am Ende Politik- und Wirtschaftsberichterstattung ein “special interest”-Thema wird wie andere heute schon. Wenn etwa Microsoft, wie heute angekündigt, Yahoo übernimmt, ist das ein äußert spannender Trend, der die Infrastruktur für Inhalte nachhaltig verändern wird.
Im zweiten Interview kommt David Talbot, Gründer des internetportals salon.com, zu Wort.
sueddeutsche.de: Brauchen wir angesichts von Web 2.0 denn überhaupt noch professionellen Journalismus?
Talbot: Natürlich, mehr denn je! Im Web 2.0 werden wir ja täglich von Blogs und Gelaber überflutet – was wir deshalb brauchen, sind sauber recherchierte, glaubwürdige Informationen. Und dafür brauchen wir redaktionelle Filter. Blogger haben die Medienwelt mit neuer demokratischer Energie bereichert, aber Blogs schreien nach professioneller redaktioneller Aufbereitung.
sueddeutsche.de: Ist den Profis im Vergleich zur Armee der Blogger nicht auch ein wenig die Leidenschaft abhanden gekommen?
Talbot: Ja, ich glaube, dass fest angestellte Redakteure und Autoren großer Blätter unter einer Krise ihrer journalistischen Seele leiden, weil die Verlage ihrerseits unter Kürzungen, Skandalen und Übernahmen durch Großunternehmen leiden. Sie sollten am besten alle der Bewegung zur Wiederbelebung des Qualitätsjournalismus beitreten, um ihren Kampfesgeist aufzufrischen.
sueddeutsche.de: Sehen Sie in solchen Übernahmen also eine akute Gefahr für den Qualitätsjournalismus?
Talbot: Finanzspekulanten und Medienmogule könnten schon bald den letzten Nagel in den Sarg des amerikanischen Journalismus treiben. Die US-Presse wird zwischen den technologischen Herausforderungen des Internet und den Profiterwartungen großer Medienkonzerne förmlich zerquetscht. Gerade Rupert Murdochs Mediengeschäfte sind stark gesteuert von persönlichen Motiven, namentlich vor allem seiner konservativen politischen Agenda. Wenn wir nicht bald alternative Besitzstrukturen für die Presselandschaft in diesem Land finden, etwa Kombimodelle mit öffentlich-privaten Anteilsverhältnissen oder Mitarbeiterbeteiligungen, wird die Presse weiter den Bach runtergehen – und Amerikas Demokratie mit sich reißen.
Der Guardian-Online-Journalist Simon Waldman geht auf die Chancen der etablierten Medien ein.
Sueddeutsche.de: Wozu brauchen wir überhaupt noch professionelle Journalisten?
Waldman: Professionelle Journalisten werden immer unglaublich wichtig sein, um zu erklären, was in der Welt vor sich geht, und zwar tagtäglich anhand einer Fülle von Themen. Das, was die Leser und Zuschauer brauchen, kann nicht auf Amateurniveau geleistet werden. Allerdings wird die Welt der Profis durch die Teilzeit-Arbeiter auch bereichert, wie beispielsweise die Arbeit professioneller Astronomen auch durch Leute bereichert wird, die in ihrer Freizeit arbeiten.
sueddeutsche.de: Worin unterscheiden sich das Arbeitsethos von Bloggern und Profis?
Waldman: Die Arbeitswelt, in die die meisten der über 40-jährigen Journalisten damals eingestiegen sind, unterscheidet sich völlig von der heutigen. Auf allen Ebenen wird härter gearbeitet, nicht bei der täglichen Arbeit, sondern auch unter dem Einfluss eines immer härter umkämpften Informationsmarktes. Man kann keinen Erfolg mehr haben, wenn man nicht bereit ist, mehr zu tun als alle anderen. Viele Blogger haben andererseits enorme Zugangsmöglichkeiten, wenn sie in ihrer Umgebung mit Leuten zusammentreffen, mit denen sich auch Journalisten beschäftigen. Die meisten haben sicherlich ihr Spezialgebiet, aber härter arbeiten müssen alle.
sueddeutsche.de: Was glauben Sie, wie lange die klassische Zeitung auf Papier noch überleben wird?
Waldman: Überleben zu wollen, reicht einfach nicht. Erfolgreich werden diejenigen Zeitungshäuser sein, die sich dem digitalen Wachstum stellen, ihn als Chance begreifen und entsprechend handeln. Für andere, die darin eine vorübergehende Bedrohung sehen, die wir durchstehen müssen, statt eine Umgebung, in der wir prosperieren können, wird es schwierig. Es gibt auch noch andere strukturelle Herausforderungen für die Papierzeitungen, die stark auf ihren regionalen Bollwerken basieren. Die unterschwellige Tendenz in diesem Geschäft bestand ja seit jeher darin, in Märkten mit hohen Zugangsbarrieren zu operieren. Die Digitalisierung hat nun dazu geführt, dass diese Barrieren gefallen sind, so dass die Leute, deren Geschäftsmodelle und Gewinne auf einem Monopol aufbauen, diese Monopolstellung in Gefahr sehen. Und das macht es natürlich kompliziert. Wenn Sie sich die britische Presselandschaft anschauen, erkennen Sie, dass wir knallharten Wettbewerb gewohnt sind. Zum einen konkurrieren wir über die Qualität unserer Inhalte miteinander und darüber, wie wir uns am besten verkaufen. Außerdem publizieren wir in Englisch, einer ziemlich globalen Sprache. Weil die britische Qualitätspresse diese Konkurrenzsituation also schon lange kennt, hat sie enormes globales Potenzial. Und deshalb sind die meisten von uns eher fasziniert angesichts der Möglichkeiten.